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Kredite laufen am Bankensystem vorbei: 3 Alarmsignale für Europa

David Pohl
Autor: David Pohl
Aktualisiert am 10. August 2026
Ein Kreditmarkt von über 2 Billionen Dollar ist in wenigen Jahren aus dem Nichts gewachsen – an Banken, Börsen und öffentlicher Kontrolle vorbei. Kaum jemand redet darüber. Die halbe Notenbank-Welt inzwischen schon. Warum das Anleger:innen in Europa mehr betrifft, als uns lieb ist.

Das Problem ist so groß, weil es keiner sieht

Kakerlaken
„Wenn man eine Kakerlake sieht, gibt es wahrscheinlich mehr."

Diesen Satz sagte Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JPMorgan, im Oktober 2025. Kurz zuvor waren zwei US-Firmen zusammengebrochen, die sich fast vollständig außerhalb des klassischen Bankwegs finanziert hatten: der Autokreditgeber Tricolor und der Autoteile-Zulieferer First Brands. Bei First Brands kamen im Insolvenzverfahren rund 2,3 Milliarden Dollar an Schulden zum Vorschein, die in keiner Bilanz standen. Gemeint war: Wenn an einer Stelle etwas faul ist, ist es das an vielen Stellen – man sieht sie nur nicht.

Und genau das ist der Kern der Geschichte. Es geht um einen Teil des Finanzsystems, in den von außen praktisch niemand hineinsehen kann. Fachleute nennen ihn „Private Credit". Wir übersetzen ihn lieber so, dass sofort klar wird, worum es geht: Kredit am Bankensystem vorbei.

Was das ist, warum es gerade jetzt heikel wird und was es für dein Geld bedeutet – in drei Signalen.

Signal 1: Der größte Kreditboom der Gegenwart hängt an einem einzigen Faden – der KI

Zuerst das Grundprinzip, ganz einfach:

Normalerweise leiht sich eine Firma Geld bei einer Bank oder über eine Anleihe an der Börse. Beides ist reguliert und halbwegs transparent. Seit der Finanzkrise 2008 dürfen Banken riskantere Firmen aber nicht mehr so leicht finanzieren. In diese Lücke sind große Fonds gesprungen – Namen wie Blackstone, Apollo oder KKR. Sie sammeln Geld von Pensionskassen, Versicherern und vermögenden Anlegern ein und verleihen es direkt an Firmen. Keine Bank dazwischen, kein Börsenpreis, keine öffentliche Kontrolle.

Das ist Private Credit – ein Teil dessen, was man auch Schattenbankensystem nennt. Nicht illegal, nicht heimlich, aber eben im Dunkeln: Was so ein Kredit gerade wert ist, sieht kein Außenstehender.

Dieser Markt war vor 15 Jahren fast bedeutungslos und ist heute über 2 Billionen Dollar schwer. Und jetzt kommt der Punkt, der ihn gefährlich macht: Mehr als ein Drittel dieser Kredite floss 2025 in ein einziges Thema – die künstliche Intelligenz. Rechenzentren, Chip-Cluster, Stromversorgung. Davor lag dieser Anteil bei rund 17 %. Kurz gesagt: Diese Fonds finanzieren das physische Rückgrat der KI-Welle.

Das verbindet zwei Blasen zu einer. Wenn die Erwartungen an die KI kippen, kippt die Finanzierung mit. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – quasi die Zentralbank der Zentralbanken – hat das im Juni 2026 offen mit dem Dotcom-Crash der Jahrtausendwende und sogar der Eisenbahn-Spekulation des 19. Jahrhunderts verglichen. Das ist ungewöhnlich deutlich für eine so nüchterne Institution.

Signal 2: Die ersten Risse sind da – und die Preisschilder waren Fiktion

Bis hierher klingt das nach Theorie. Ist es nicht mehr. Im Herbst 2025 sind die ersten Firmen umgefallen – und haben etwas Unangenehmes offengelegt.

Da war First Brands, ein US-Autoteile-Hersteller. Die Fonds hatten dessen Kredite in ihren Büchern noch mit vollem Wert angesetzt – teils sogar über 100 Cent pro Dollar, also „mehr als sicher“. Heute sind dieselben Kredite nur noch etwa ein Drittel wert. Zwischen „vollkommen sicher“ und „zwei Drittel weg“ lagen nur Wochen.

Der Grund, warum das so plötzlich ging, ist das eigentliche Problem: Den Wert dieser Kredite schätzt der Fondsmanager selbst – vierteljährlich, und niemand prüft von außen nach. Solange niemand pleitegeht, sieht alles ruhig aus. Erst wenn es knallt, zeigt sich, dass das Preisschild Fiktion war. Zurück zu Dimons Kakerlake: Das Problem ist nicht, was man sieht, sondern was man nicht sieht.

Zwei weitere Warnzeichen aus denselben Monaten:

  • Immer mehr Firmen zahlen ihre Zinsen nicht mit Geld, sondern mit neuen Schulden. (Fachbegriff: „Payment-in-Kind“.) Der Anteil solcher Kredite hat sich zwischen 2022 und 2025 verdoppelt. Ein klassisches Zeichen, dass es einem Schuldner schlecht geht – man sieht es nur spät.
  • Einzelne Fonds mussten Auszahlungen deckeln, weil zu viele Anleger gleichzeitig raus wollten. Wer sein Geld zurückwollte, kam nicht sofort dran.

Der Fall, den du dir merken solltest: Tricolor

US Autohaendler 2

Ein zweiter Zusammenbruch aus demselben Herbst führt uns direkt zum Menschen dahinter – und wird im zweiten Teil dieser Serie wichtig.

Tricolor war ein US-Autohändler, der gleichzeitig Kredite vergab – und zwar an Menschen mit sehr schwacher Bonität, viele davon Einwanderer ohne Papiere. „Schlechte Bonität? Kein Problem“, warb die Firma. Diese wackeligen Autokredite wurden gebündelt, in Wertpapiere verpackt und mit Bestnote AAA an Investoren verkauft – also mit dem Sicherheits-Stempel, den sonst Staatsanleihen tragen.

Dann fielen die Rückzahlungen aus. Eine Ratingagentur senkte die Bewertung mancher dieser Papiere von AAA auf CC – das ist der Absturz von „praktisch mündelsicher“ auf „kurz vor Totalausfall“. Tiefere Anleihen fielen auf 12 Cent pro Dollar. Es kam noch dicker: Tricolor soll dieselben Sicherheiten mehrfach an verschiedene Geldgeber verpfändet haben. Banken wie JPMorgan, Barclays und Fifth Third sitzen auf Verlusten, es steht der Vorwurf des Betrugs im Raum.

Kommt dir dieses Muster bekannt vor? Zu Recht.

Fast genauso lief die Finanzkrise 2008: Damals waren es faule Hypotheken, die gebündelt, mit AAA geadelt und in alle Welt verkauft wurden – bis sie reihenweise ausfielen und das ganze System ins Wanken brachten. Der gemeinsame Kern beider Geschichten ist derselbe wie in diesem ganzen Artikel: fehlende Transparenz. Niemand sah, was wirklich in den Paketen steckte, bis es zu spät war.

Ein wichtiger Unterschied – zur Beruhigung: Bisher gelten Fälle wie Tricolor als Einzelfälle, oft mit Betrug im Spiel, und nicht als zweites 2008. Aber sie sind eine Erinnerung daran, dass sich Geschichte reimt, wenn niemand hinschaut.

Das Entscheidende für uns: Hier küssen sich zwei Welten. Tricolor war im Kern eine Konsumenten-Geschichte – überschuldete Haushalte, die ihr Auto abbezahlen. Über die Verpackung wurde daraus eine Finanzsystem-Geschichte. Genau dieser Faden – warum Millionen Amerikaner lieber die Miete platzen lassen als die Autorate – führt weiter.

→ Mehr dazu: Lieber pleite als ohne Auto: Warnsignal für Anleger

Signal 3: Es ist längst bei uns – nur unsichtbar

Jetzt die Frage, die für dich zählt: Was hat das mit einem Depot in Österreich zu tun?

Zuerst die ehrliche Entwarnung: Die Europäische Zentralbank hat im Mai 2026 nachgerechnet und kommt zum Schluss, dass europäische Banken und Institute nur wenig direkt in diesem Markt hängen. Ein reiner Private-Credit-Crash allein reißt Europa also nicht um. Panik ist fehl am Platz.

Der Haken kommt im nächsten Satz derselben Analyse: Versicherer und Pensionskassen könnten im Ernstfall trotzdem spürbar verlieren – nicht direkt, sondern über Zweitrunden-Effekte. Heißt: Wenn es im Kreditmarkt kracht, geraten auch Aktien, Hochzinsanleihen und andere Papiere unter Druck. Und über diesen Umweg landet es bei dir.

Denn der Weg zu deinem Geld führt nicht über den Kredit selbst, sondern über den breiten Markt. Ein Index, in dem viele Tech-Werte stecken, bekommt eine KI-Enttäuschung sofort zu spüren – und damit auch der ETF, der diesen Index abbildet. Du musst diese Kredite nicht besitzen, um betroffen zu sein.

Und es gibt eine stille Entwicklung, die man kennen sollte: Über eine relativ neue EU-Regel, den ELTIF (in der Version „2.0"), wird genau dieses intransparente Produkt jetzt gezielt auch Privatanlegern angeboten. Der frühere Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein hat dazu trocken angemerkt, die Branche dränge Privatleute genau dann hinein, wenn die Sache am ehesten explodiere. Ein Satz, den man sich hinter die Ohren schreiben darf.

Was das für dich heißt: breit und transparent statt eng und blind

Kein Weltuntergang, kein Grund zum Aussteigen. Souveränität heißt: verstehen, was los ist, und daraus die richtigen Schlüsse fürs eigene Depot ziehen. Plan statt Panik. Die ganze Private-Credit-Geschichte ist im Grunde eine Anleitung, was man nicht tun sollte – und daraus ergeben sich drei einfache Konsequenzen.

1. Breit aufstellen – nicht auf einen Faden setzen. Der Fehler dieser Fonds ist, alles auf ein Thema zu setzen (KI), auf einen Markt (USA), auf ein Produkt. Für dich gilt das Gegenteil: streuen. Und dazu gehört auch, nicht blind nur auf ETFs zu setzen, bloß weil die gerade voll im Trend sind. ETFs sind gut und günstig – aber „alle machen's gerade“ ist keine Strategie, sondern genau die Herdenlogik, die Blasen aufbläht.

2. Risiko streuen heißt auch: nicht nur Aktien. Wenn wirklich einmal eine Krise kommt, zeigt sich der Wert von echten Reserven. Ein Notgroschen in Bargeld und Cash-Reserven, ein Baustein Gold als Krisenanker – das sind keine Renditebringer, aber Stabilisatoren, wenn es an den Märkten ruppig wird.

3. Trend zu aktiv – als Ergänzung oder Alternative zum ETF. Hier kommen Clean-Shares ins Spiel – die Fonds, die dir niemand verkauft. Das sind aktiv gemanagte Fondsanteile ganz ohne Provision, in Österreich direkt über die Doppel-Nettopolizze bei fynup zugänglich. Sie können ETFs schlagen und sind oft günstiger als die provisionsbeladenen Fonds aus der Bankberatung. Wichtig: Der ETF bleibt eine sinnvolle, legitime Wahl. Es geht ums Kombinieren, nicht ums Ersetzen.

Fazit

Private Credit ist kein akutes Weltuntergangs-Szenario – aber trotzdem ein Thema, auch wenn es in Europa noch ignoriert wird. Drei Dinge bleiben hängen: Der Boom hängt gefährlich stark an der KI. Die ersten Risse zeigen, dass die Preisschilder in diesem Markt Fiktion sein können. Und auch wenn Europa direkt kaum betroffen ist – über den Umweg der Aktienmärkte kommt eine Erschütterung trotzdem im heimischen Depot an.

Die gute Nachricht: Du kannst dich dagegen wappnen, und zwar mit dem genauen Gegenteil dessen, was diesen Markt riskant macht. Breit statt eng. Transparent statt undurchsichtig. Nachprüfbar statt auf Vertrauen. Das ist keine Frage von Angst, sondern von Souveränität.

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Informationen in diesem Artikel sind allgemein und nicht als Beratung oder Empfehlung zu verstehen. Trotz größter Sorgfalt können wir keine Gewähr für die Eignung, Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verfügbarkeit der unverbindlich zur Verfügung gestellten Informationen übernehmen. Eine Haftung der fynup GmbH ist daher in jedem Fall ausgeschlossen. Performanceergebnisse der Vergangenheit, Berechnungen und Aussagen über Gewinn und Rendite basieren auf Annahmen und lassen keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Jede Veranlagung bringt hohe Verlustrisiken – bis hin zum Totalverlust - mit sich. Es gelten alle Haftungsbegrenzungen der Funktionsbeschreibung.

Häufige Fragen

Ein Kredit, den nicht eine Bank oder der Anleihemarkt vergibt, sondern ein privater Fonds – direkt an eine Firma. „Privat" heißt hier nicht „von Privatpersonen", sondern „nicht öffentlich, nicht börslich". Der Kredit wird nie an einer Börse gehandelt, deshalb kennt niemand von außen den echten Wert.
Nein, aber die beiden hängen eng zusammen. Private Credit ist die Finanzierung; KI ist heute ihr größtes Einzelthema. Platzt die KI-Euphorie, trifft es auch die Kredite, die sie finanziert haben.
Direkt fast nicht – die EZB sieht in Europa nur geringe direkte Verflechtung. Indirekt schon: Über Kursrückgänge an den Aktienmärkten (vor allem bei Tech-Werten) kann eine Krise auch dein ETF-Depot erwischen.
Nein. Aussteigen ist selten eine gute Idee, und ETFs sind ein solider Baustein. Der Punkt ist, sich nicht ausschließlich und blind auf ein einziges Produkt zu verlassen, sondern breit zu streuen – über Anlageklassen, Regionen und aktive wie passive Bausteine.
Breit aufstellen, Reserven halten (Bargeld, Gold), aktive Bausteine wie Clean-Shares prüfen – und vor allem wissen, was deine Anlage kostet und enthält. Transparenz ist der beste Schutz gegen versteckte Risiken.
David Pohl

Autor: David Pohl

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