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Führt ETF-Boom zum Big Bang?

Michael Spacil
Autor: Michael Spacil
Aktualisiert am 30. September 2026
Passives Investieren funktioniert, weil aktive Anleger:innen den Markt bewerten – schlechte Unternehmen abstrafen, gute belohnen. Aber was passiert, wenn immer weniger das tun, weil ohnehin fast alle nur noch ETF kaufen?

Denkfehler bei ETF, den kaum jemand kennt

Passives Investieren gilt gemeinhin als das Vernünftigste, was man mit seinem Geld tun kann: kein Versuch, den Markt zu schlagen, sondern einfach den ganzen Markt kaufen. Das funktioniert aber nur deshalb so gut, weil im Hintergrund genug andere Menschen die eigentliche Arbeit übernehmen – Unternehmen analysieren, Bilanzen lesen, Kurse bewerten.

Ein einfaches Bild zeigt, warum das zum Problem werden könnte, wenn immer weniger Menschen diese Arbeit noch machen.

Fünf Sterne, ohne hinzugehen

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KI-Bild
Wer bewertet eigentlich noch, wenn alle nur noch auf die Sterne schauen?

Stell dir vor, in einer Stadt öffnen jedes Jahr hunderte neue Restaurants. Die meisten Menschen gehen inzwischen nicht mehr selbst hin, probieren nicht mehr, urteilen nicht mehr – sie schauen nur noch auf die Google-Sterne und gehen dorthin, wo schon viele andere hingegangen sind. Klingt bequem, und eine Zeit lang funktioniert das sogar gut: Die Sterne stimmen ja ungefähr, weil genug andere noch selbst probiert und bewertet haben.

Aber was, wenn irgendwann fast niemand mehr selbst hingeht? Dann bewerten die Leute nur noch Restaurants, die schon viele Sterne haben – nicht, weil das Essen gut ist, sondern weil schon viele Sterne da sind. Die Sterne spiegeln dann nicht mehr die Qualität wider, sondern nur noch sich selbst.

Der Denkfehler mit Nobelpreis

Genau dieses Prinzip steckt hinter Aktienmärkten. Ein ETF kauft blind das, was im Index steckt – er bewertet nichts, er kopiert nur. Die eigentliche Bewertungsarbeit übernehmen aktive Investor:innen: Sie analysieren Unternehmen, kaufen bei Unterbewertung, verkaufen bei Überbewertung, und genau dadurch entstehen überhaupt erst faire Kurse. ETF-Käufer:innen surfen im Grunde auf dieser Arbeit mit, ohne selbst etwas dazu beizutragen.

Die Ökonomen Sanford Grossman und Joseph Stiglitz haben dafür schon 1980 eine mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Erklärung geliefert: Wenn Kurse bereits alle verfügbaren Informationen perfekt widerspiegeln würden, gäbe es keinen Gewinn mehr durch eigene Recherche – und damit auch keinen Anreiz mehr, sich die Mühe zu machen. Wenn aber niemand mehr die Mühe macht, können Kurse auch keine Informationen mehr widerspiegeln. Ein Markt, in dem wirklich alle nur noch passiv sind, kann sich selbst also gar nicht mehr sinnvoll bepreisen.

Wenn selbst der Erfinder des Passiven zweifelt

John Bogle, der 1976 mit Vanguard den ersten Indexfonds für Privatanleger:innen überhaupt geschaffen hat, äußerte genau diese Sorge selbst. 2018 warnte er in einem Meinungsbeitrag im Wall Street Journal, der Anteil der Unternehmen in Indexfonds-Besitz werde weiter wachsen, und es sei „nur eine Frage der Zeit", bis Indexfonds die 50-Prozent-Marke überschreiten. Dann könnten die drei größten Anbieter – Vanguard, State Street und BlackRock – gemeinsam effektive Stimmrechtskontrolle über 30 Prozent oder mehr des gesamten US-Aktienmarkts halten. Das, so Bogle, liege nicht im nationalen Interesse.

Apropos: ETF könnten aus einem ganz anderen Grund sogar bald zum Schimpfwort werden.

Von Marxismus zu Big Tech – die Bernstein-These

Bogles Sorge galt vor allem der Machtkonzentration bei wenigen großen Fondsanbietern – eine Frage von Kontrolle und Stimmrechten. Eine noch grundsätzlichere Kritik geht einen Schritt weiter und stellt infrage, ob ein überwiegend passiver Markt als Ganzes überhaupt noch funktionieren kann, wenn kaum noch jemand die zugrunde liegenden Unternehmen bewertet. Am deutlichsten hat das eine einzelne Investmentbank auf den Punkt gebracht – gleich zweimal, im Abstand von acht Jahren.

Schlimmer als der Kommunismus?

2016 veröffentlichte die Investmentbank Sanford C. Bernstein eine Studie mit einem bewusst provokanten Titel: The Silent Road to Serfdom: Why Passive Investing is Worse Than Marxism. Das Kernargument: Selbst eine zentral geplante Wirtschaft hat noch jemanden, der die Kapitalallokation plant – wenn auch schlecht. Ein rein passiver Markt hat niemanden mehr, der diese Aufgabe übernimmt.

Dieselbe These, acht Jahre später, mit neuem Ziel

Im Dezember 2025 legte derselbe Bernstein-Analyst, Inigo Fraser-Jenkins, nach – mit der Fortsetzung The Dystopian Symbiosis: Passive Investing and Platform Capitalism. Diesmal geht es gezielt um die großen Technologiekonzerne wie Apple, Microsoft und Nvidia: Weil ETF automatisch das kaufen, was im Index schon am größten ist, fließt immer mehr Geld in genau diese Aktien – unabhängig davon, ob ihr Geschäft das eigentlich rechtfertigt. Das verstärkt sich selbst, ohne dass jemand die Bewertung neu prüft.

Haben wir den Kipppunkt bei ETF schon erreicht?

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Anteil aktiver und passiver Fonds am US-Fondsmarkt, 1995 bis heute, mit Projektion bis 2035.

Diese Entwicklung lässt sich nicht nur behaupten, sondern auch in einer einzigen Kurve sehen: 1995 waren praktisch alle Fondsanlagen in den USA aktiv verwaltet. Seither ist die passive Linie stetig gestiegen, die aktive stetig gefallen – 2024 haben sich beide Linien erstmals gekreuzt. Setzt sich das Wachstum der vergangenen zehn Jahre fort, könnte der passive Anteil bis 2035 auf rund 80 Prozent steigen.

Wenn es mehr Indizes gibt als Aktien

Ein Detail zeigt, wie weit diese Entwicklung schon fortgeschritten ist: Laut einer Analyse von Bloomberg Intelligence gibt es in den USA inzwischen mehr Börsenindizes als börsennotierte Einzelaktien. Die Zahl der Aktien ist seit ihrem Höchststand 1995 um über 40 Prozent gesunken, während sich die Zahl der Indizes allein zwischen 2010 und 2012 vervierfacht hat und seither weiter gewachsen ist. Für so gut wie jede erdenkliche Anlagestrategie – Sektor, Region, Nachhaltigkeit, Dividendenhöhe – gibt es heute einen eigenen Index und einen passenden ETF darauf.

Das ist eine Art Verkehrung des ursprünglichen Prinzips: Ein Index sollte eigentlich abbilden, was der Markt tut. Wenn es mehr Indizes als Aktien gibt, bilden Indizes einander gegenseitig ab.

Die Gegenposition – sind wir wirklich schon mittendrin?

Bogle, Bernstein und eine Kurve, die seit 30 Jahren nur in eine Richtung zeigt – das klingt nach einem Markt kurz vor dem Kipppunkt. Doch mit denselben Fakten lässt sich auch das Gegenteil begründen, und genauso renommierte Stimmen tun das. Nicht jeder teilt diese Sorge, und die Gegenargumente verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie die Warnungen zuvor.

Zwei Zahlen, die man auseinanderhalten muss

Bevor daraus Alarmismus wird, lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen. Passive Fonds halten zwar über 50 Prozent der Fondsvermögen in den USA – aber Fondsvermögen sind nicht der gesamte Markt. Laut aktuellen Daten hielten passive Fonds Ende 2024 rund 18 Prozent des gesamten US-Aktienmarkts, aktive Fonds rund 12 Prozent.

Die übrigen 70 Prozent liegen bei Pensionskassen, Versicherungen und Privatanleger:innen, die Einzelaktien direkt halten – also bei Akteuren, die weiterhin ganz klassisch bewerten und entscheiden.

Die Fondsbranche hat ein Motiv, laut zu warnen

Es gibt auch akademischen Widerspruch: Owen Lamont argumentiert 2026 in seinem Paper „Don't blame indexing for your problems", der passive Marktanteil sei nicht der entscheidende Faktor dafür, ob ein Markt funktioniert. Und ein einfaches Argument stützt das: Aktiv verwaltete Fonds verlieren weiterhin gegen ihre Vergleichsindizes – 2025 flossen über eine Billion Dollar aus aktiven US-Aktienfonds ab, das elfte Jahr in Folge. Wäre die Bewertungsarbeit aktiver Investor:innen tatsächlich schon knapp, müssten sie eigentlich einen Vorteil daraus ziehen können. Bisher tun sie das nicht in der Breite.

Niemand weiß also verlässlich, wo genau die Grenze liegt, ab der es wirklich kippt. Aber die Frage ist berechtigt – und sie wird von ernstzunehmender Seite gestellt, nicht nur von denen, die davon wirtschaftlich profitieren, sie laut zu stellen.

Was das für dich bedeutet

Wer ausschließlich passiv investiert, verlässt sich darauf, dass genug andere Menschen aktiv bleiben, damit der Markt funktioniert – trägt selbst aber nichts dazu bei. Das muss kein Problem sein, solange genug andere diese Arbeit übernehmen. Aber es bedeutet auch: Man ist bei der eigenen Geldanlage vollständig von einem Mechanismus abhängig, dessen Funktionieren man selbst nicht mitgestaltet.

In der Doppel-Nettopolizze lässt sich das kombinieren, statt sich entscheiden zu müssen: ein Mix aus ETF und Clean-Shares, den aktiv gemanagten, provisionsfreien Fondsklassen, die sonst nur institutionellen Großanlegern vorbehalten sind. Wer so investiert, bleibt nicht nur Trittbrettfahrer eines Systems, sondern auch ein Stück weit Teil des Mechanismus, der es am Laufen hält – und spart sich dabei über die steuerlich begünstigte Struktur der Doppel-Nettopolizze hohe Kosten für Provisionen und auf jeden Fall die Kapitalertragsteuer.

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Informationen in diesem Artikel sind allgemein und nicht als Beratung oder Empfehlung zu verstehen. Trotz größter Sorgfalt können wir keine Gewähr für die Eignung, Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verfügbarkeit der unverbindlich zur Verfügung gestellten Informationen übernehmen. Eine Haftung der fynup GmbH ist daher in jedem Fall ausgeschlossen. Performanceergebnisse der Vergangenheit, Berechnungen und Aussagen über Gewinn und Rendite basieren auf Annahmen und lassen keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Jede Veranlagung bringt hohe Verlustrisiken – bis hin zum Totalverlust - mit sich. Es gelten alle Haftungsbegrenzungen der Funktionsbeschreibung.

Häufige Fragen

Niemand weiß verlässlich, ab welchem Anteil passiven Investierens der Markt seine Bewertungsfunktion verliert. Es gibt ernstzunehmende Stimmen wie den Vanguard-Gründer John Bogle oder die Investmentbank Bernstein, die diese Sorge teilen – und ebenso seriöse Gegenstimmen, die aktuell keine Anzeichen für eine echte Marktverzerrung sehen.
Ein 1980 mit dem Nobelpreis ausgezeichnetes ökonomisches Konzept: Wenn Marktpreise bereits alle verfügbaren Informationen perfekt widerspiegeln würden, gäbe es keinen Anreiz mehr, eigene Recherche zu betreiben. Ohne diese Recherche können Preise aber auch keine Informationen mehr widerspiegeln – ein vollständig passiver Markt kann sich daher nicht selbst sinnvoll bepreisen.
Rund 18 Prozent des gesamten Markts (Stand Ende 2024) – deutlich weniger als die oft genannten „über 50 Prozent", die sich nur auf den Anteil an den Fondsvermögen beziehen, nicht auf den Gesamtmarkt inklusive Pensionskassen, Versicherungen und Privatanleger:innen mit Einzelaktien.
Statt dich zwischen ETF und aktivem Management zu entscheiden, lässt sich beides kombinieren – etwa über einen Mix aus ETF und Clean-Shares in der Doppel-Nettopolizze.
Michael Spacil

Autor: Michael Spacil

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